Tour du Maroc

Wunderbare Idee: Eine Rundreise durch die Berge und Wüsten Marokkos – und die schönsten Etappen fährt man auf dem eBike.

Es gibt Tage auf Reisen, die vergisst man nie. Tage, die man im Geiste einrahmt und in die Vitrine stellt. Bei dieser Rundtour durch Marokko ist es Tag 5, im Plan unspektakulär mit »Von Zagora bis Tata« gelistet. Der Wecker piept, man findet sich schlaftrunken in eine­m komfortablen Beduinenzelt wieder, trottet ungewaschen auf einen nahen Berg­rücken und betrachtet den Sonnenaufgang über der Sahara. Durchdrungen von Morgenlicht und der Erhabenheit der Wüste schreitet man zurück. Dusche und Frühstück im Camp, dann der halbstündige Ritt auf eine­m schwankenden Dromedar in die Zivilisation. Nahe der Oasenstadt Zagora umsatteln auf die eBikes. Ein paar Minuten durch den Ort radel­­n. Im Kreisverkehr auf Laster, Mopeds und Esel achten. Dann eine einsame Asphaltstraße nach Südwesten.

Stephan Glocker Dromedar oder eBike? Mal sehen … 

Das Grün der Dattel­palmen und Tamarinden bleibt zurück, die Landschaft wird erdig, sandig, unwirklich weit. Die Luft flirrt, doch im Fahrtwind des eBike­­s gleicht die Wüstenhitze einer angenehmen Sommerfrische. Zeit zu schauen, Zeit zu genießen. Und sich vorzustellen, wie in diesem Tal einst die großen Kamelkarawanen los­gezogen sind. 52 Tagesetappen erforderte die Sahar­a-Durchquerung von Zagora nach Timbuktu. Späte Mittagspause in einer Oase. Hühnerspieße vom Grill, Gemüse aus der Tajine. Und Pfefferminztee, das National­getränk Marokkos. Süß, stark, süchtig machend. 

Über der Oase glitzern die Sterne

Die restliche Strecke nach Tata wäre im gemütlichen Minibus eigentlich Formsache, doch durch die Gewitter der letzten Tage ist das Wadi des Oued Zguid ordentlich gefüllt. An einer Furt haben die Fluten einen Militär-LKW umgeworfen. Die Bergung läuft, sämtlicher Verkehr muss warten. Und so versammelt sich nach und nach eine kleine Schar aus Fernfahrern, Einheimischen und Touristen, um die Arbeiten fachmännisch zu kommentieren. Man lacht und palavert, redet mal französisch, mal mit Händen und Füßen. Nach einer Stunde bewegt sich der Laster endlich – und kippt von der Seite aufs Dach. Jetzt ist er auf jeden Fall kaputt. Die Furt bleibt weiterhin unpassierbar für den Normalverkehr.

Unser Guide Mohammed improvisiert gekonnt: Nach einigen Telefonaten und längeren Verhandlungen fahren drei Gelände­wagen vor und übernehmen unsere Gruppe. Frech preschen wir durch die Furt und weiter nach Tata. Wie fast jeden Abend auf dieser Rundreise ist die Unterkunft sehr besonders: Das Hotel Dar Infiane residiert in einer renovierten Kasbah, einer früheren Festung – mit kühlen Innenhöfen, prachtvollen Mosaiken und winkeligen Treppen. Auf das mehrgängige Abendessen folgt ein Absacker auf der Dachterrasse. Über den Palmengärten der Oase glitzern die Sterne. Was für ein Tag!

Das Beste aus zwei Welten: Bus + ebike 

Auf den ersten Blick ist unsere zehntägige Reise durch das südliche Marokko eine klassische Rundfahrt: Sie beginnt in Marrakesch, führt dann über den Hohen Atlas zu den Randzonen der Sahara und weiter über den Anti­atlas zum Atlantik. Vom lässigen Küstenstädtchen Essaouira geht es schließlich zurück nach Marrakesch. Gute 1500 Kilometer, die alles bieten, was das Touristenherz begehrt: quir­lige Souks, wunderschöne Riads, Wüste, Berge und Oasen. Und natürlich berühmte Attraktionen wie die Lehmbau-Burg Ait Benhaddou, UNESCO-Weltkultur­erbe und Drehort für Filme von »Lawrenc­­e von Arabien« über »James Bond« bis »Game of Thrones« (für Fans: Die Städte Yunkai und Pentos auf Essos wurden hier in Szene gesetzt). 

Das eigentlich Erstaunliche: Niemand aus unserer zwölfköpfigen Gruppe würde so eine Rundfahrt jemals buchen. Jedenfalls nicht, wenn man dabei die ganze Zeit hinter Glas im Bus säße: »Marokko als Land interessiert mich sehr, auch viele Orte an der Route. Aber Groß­gruppen in Bussen, die dann an den Stopps im Pulk herumlaufen, sind einfach nicht so meines«, sagt Caroline, TV-Cutterin aus München. Gekommen ist sie wegen der eBikes: »Zu Hause sitz ich ständig auf meinem eBike, das ist so toll. Warum nicht auch im Urlaub radeln?« 

Beate, Altenpflegerin aus Hannover, war schon zweimal in Marokko und sucht einen neuen Blickwinkel auf ihr Lieblingsland: »Kleine Gruppe, schöne Etappen und jeden Tag mal Rad fahren – das hat mich angesprochen.« 

Stephan Glocker

Auch »richtige« Radfahrer sind dabei: Helen und Peter aus Augsburg hatten schon fast alle Kontinente unterm Sattel. Ihnen gefällt das Konzept der Reise: Die langen Strecken mit dem Minibus, die schönen mit dem eBike. Das Beste aus zwei Welten. 

Konzipiert hat diese Symbiose der deutsche Veranstalter Belvelo, ganz auf eBike-Reisen spezialisier­­t (siehe auch Kasten Seite 134). Während die Räder mit eingebautem Rückenwind in Deutschland einen beispiellosen Siegeszug in Alltag und Freizeit erleben, ist der Einsatz bei Fernreisen noch ein Problem – die Akkus dürfen nämlich nicht im Flieger mit, auch der Versand der Batterien ist für Privatpersonen derzeit nicht realisierbar. Bleiben also nur eBikes, die schon vor Ort sind. 

Danke, aber mein Esel ist schneller

In Marokko stehen Trekking-eBikes der US-Edelmarke Cannondale bereit, ausgestattet mit deutscher Technik von Bosch und Magura – sehr solide, und von den Guides gut gewartet. Obendrein folgt der Minibus den Radlern in diskretem Abstand – im Falle einer Panne ist also schnell der »Besenwagen« da. Auch wer müde ist oder genug Sonne hatte, kann jederzeit in den Bus umsteigen.

Aber wer will das schon? Die eBike-Etappen sind wie der viele Zucker im aromatischen Tee: fast schon unanständig gut. Wüstenhitze? Pässe? Gegenwind? Alles pures Vergnügen. Selbst treten muss man schon, ebiken ist durchaus sportliche Bewegung an der frischen Luft. Doch es ist ein Unterschied, ob man sich bei 30 Grad eine steile Passstraße hochquält oder ob der Turbo­modus des Motors leise die Haupt­arbeit erledigt und dem Radler Muße für Land und Leute bleibt. Manchmal laden wir die Bikes auch erst auf der Pass­höhe vom Hänger und rollen gemütlich dahin, einsam durch ein weites Wadi im Atlas oder durch Palmen­gärten und kleine Dörfer, wo uns die Alten aufmunternd grüßen und die Kinder im Vorbeifahren abklatschen. 

Stephan Glocker

Während Touristen in Autos oder Bussen immer in einer Art rollendem Glasbunker sitzen, ist Radeln barrierefrei.  Offene Blicke und ein Lächeln tauschen. Sich »Bonjour« oder »Merhaba« zurufen. Ein kurzer Schnack mit einem Eseltreiber: Voulez-vous échanger? Wollen Sie tauschen? Antwort: Nein danke, lieber nicht, der Esel ist schneller. Lachen. Winken. Weiter. 

Downhill durch mehrere Klimazonen

Es gibt Tage auf Reisen, die vergisst man nie. Gestern erst hat es Tag 5 in die Vitrine geschafft, nun will sich Tag 6 offenbar auch noch reinzwängen. Er beginnt entspannt und aussichtsreich mit einer zweistündigen Busfahrt, die uns von der Wüste hoch auf den Antiatlas bringt, die südlichste Kette des Atlasgebirges. In Igherm, einem Berber-Städtchen auf 1700 Meter Meeres­höhe, essen wir zu Mittag. Saftiges Zitronenhuhn, geschmort in der Tajine. Dann aufs Rad. Es beginnt eine Fahrt durch rot schimmernde Felslandschaften, die an den Südwesten der USA erinnern. Als langes Band windet sich die einsame Asphaltstraße Richtung Norden. Alle paar Kilometer kommen wir etwas tiefer, und mit jeder Geländestufe wird es grüner und wärmer. Es ist ein fantastischer Downhill über 60 Kilometer und durch mehrere Klimazonen. Als wir nach drei Stunden die feuchtschwüle Souss-Ebene erreichen, sind wir 1500 Höhenmeter abgefahren, verstaubt und glücklich. Am Nachmittag checken wir im Hotel ein und tummeln uns nur Minuten später im kühlen Pool. 

Bis zum Ende unserer Reise sind es noch ein paar Tage. Der Atlantik wartet auf uns, die Künstlerstadt Essaouira und dann der Trubel von Marrakesch. 

Mal sehen, was sich noch so tut in der Vitrine …

Text: Stephan Glocker
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